Scheidungskinder - Die zerrissenen Wesen!

Noch vor einigen Jahren hielt man Scheidungen für die betroffenen Kinder für ungefähr so anstrengend wie einen lästigen Schnupfen. Dann entdeckte man, dass der Nachwuchs vielleicht doch eher eine schwere Grippe durchmacht und nun setzt sich langsam die Einsicht durch, dass viele Kinder, besonders die 4 bis 12-Jährigen, echten Schaden nehmen, wenn die Eltern sich scheiden lassen. Sie sind die Hauptleidtragenden unglücklicher und geschiedener Ehen. Fast jede dritte Ehe wird wieder geschieden, am häufigsten im vierten Jahr ihres Bestehens. Mehr als 200.000 Ehen pro Jahr. Die meisten Kinder erleben die Trennung ihrer Eltern mit, wenn sie zwischen drei und dreizehn Jahre alt sind, also in der besonders ungünstigen Altersstufe.

Der Trennung geht eine lange Zeit des Konflikts zwischen den Eltern voraus. Für die Kinder beginnt eine Zeit mit Schock, Angst und Wut, wenn sie erfahren, dass die Ehe ihrer Eltern zerbrochen ist. In dieser kritischen Zeit haben Kinder zwei ganz spezifische Bedürfnisse: Erstens verlangen sie verstärkt nach emotionaler Unterstützung, während sie sich auf die so gänzlich anderen Lebensumstände anzupassen suchen. Zweitens sind sie auf eine einigermaßen verlässliche, tägliche Routine angewiesen.
Leider haben gerade in dieser Zeit die Eltern selbst zu viele Probleme und Ängste, um ihren Kindern richtig zu helfen. Ein Kind kann es nur ganz schwer verstehen oder gar akzeptieren, wenn sein Vater oder seine Mutter eines Tages aus der gemeinsamen Wohnung auszieht und es verlässt - so wird das Kind in einen Strudel von Gefühlen gerissen, reagiert verwirrt, bestürzt und angstvoll.
Seine tiefe Sicherheit, die im Zusammenleben mit beiden Eltern ihr Fundament hatte, ist erschüttert worden. Von Vater oder Mutter getrennt zu werden, tut jedem Kind weh und erfüllt es mit Wut. Durch die Trennung von einem Elternteil erlebt das Kind einen schweren Verlust, dessen Endgültigkeit selbst seine Eltern oft gar nicht erkennen oder wahrhaben wollen.

Darüber hinaus machen es sich viele moderne Scheidungswillige leicht mit der Floskel: nichts ist schlechter für Kinder als ehelicher Streit. Dass diese Annahme auf tönernen Füssen steht, lehrt eine neue Studie aus USA. Kindern geht es in nicht furchtbar glücklichen, also normal streitgeladenen Ehen meist besser als Scheidungskindern. So gaben 52 Prozent der Befragten, die aus selbst scheinbar "guten" Scheidungen kamen, an, dass ihr Familienleben nach der Scheidung "anstrengend" war. Das fanden nur 35 Prozent der Befragten aus unglücklichen und gerade mal 6 Prozent aus glücklichen Familien. Diese Irreführung ist Resultat der Definitionshoheit der Erwachsenen. Was für diese gut ist, soll auch für die Kinder gut sein. Sicherlich kann eine Scheidung besser sein als eine fortlaufende Auseinandersetzung, doch selbst die "bessere Version" liegt den Kleinen oft schwer auf der Seele. Solange die Eltern verheiratet sind, ist es auch ihre Aufgabe, mit dem Ehekonflikt umzugehen. Sobald sie geschieden sind, ist der Ehekonflikt Aufgabe der Kinder geworden, damit umzugehen.
Das Leben von Scheidungskindern ist durchweg härter, agieren doch die Eltern nach der Scheidung wie entgegengesetzte Pole. Sie sind mit der monumentalen Aufgabe konfrontiert, in sehr jungen Jahren die unterschiedlichen Wertvorstellungen und Lebensgestaltungen von Vater und Mutter allein verstehen zu müssen. Weil sie sich je nach Aufenthalt anders verhalten müssen, gibt es auch in Scheidungsfamilien viel mehr Geheimnisse und Lügen als in intakten Familien.
Auf die Frage "Wenn Sie als Kind Trost brauchten, was haben Sie getan?" antworteten 69 Prozent der Befragten aus intakten Familien, dass sie zu beiden Eltern gingen, aber nur 33 Prozent der Scheidungskinder suchten die Nähe der Eltern.
Auch wenn die Scheidungskinder häufiger bei den Müttern leben, wird das Verhältnis zu ihnen ebenso beschädigt wie das zu den Vätern. Fast dreimal so viele Scheidungskinder (38 Prozent) erklären: "Es gibt Dinge, die meine Mutter getan hat, die ich ihr kaum je verzeihen kann." Das sagen nur 13 Prozent aus intakten Familien. 51 Prozent der Scheidungskinder sagen dasselbe über ihre Väter verglichen mit 17 Prozent aus intakten Familien.

Eine bestimmte Anzahl, insbesondere der hoch konfliktreichen Ehen, wird stets in Scheidung enden. Für solche und alle Ehen, die von Gewalttätigkeit, Alkoholismus oder gar Inzest gezeichnet sind, ist Scheidung eine lebensnotwendige Option. Als systemischer Berater geht es mir um die Hinwendung zum Kind und die Anerkennung des emotionalen Elends, in das viele durch die Trennung der Eltern gestürzt werden.
Ein Kind ist nicht nur dann ein Scheidungsopfer, wenn es zum Schulversager oder Psychofall wird. Auch die vielen superselbständigen, oft einsamen, viel zu früh erwachsenen Mütterkümmerer sind zerrissene Wesen. Dass sie nicht immer daran zerbrechen, kann kaum bedeuten, dass die Scheidung keine Spuren hinterlassen hat.

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